• Zielgruppen
  • Suche
 

Schwerpunkt NT

Das Verständnis der "Biblischen Theologie" und die damit verbundenen Maßgaben bestimmen die Disziplin "Biblische Theologie / Schwerpunkt Neues Testament". An der Universität hier in Hannover dokumentiert sich dies strukturell zunächst in der klaren Grob-Differenzierung von Analyse und Applikation. Die analytisch orientierten Angebote sind schwerpunktmäßig von der konstruktivistischen Erkenntnistheorie und dem korrespondierenden konstruktionsgeschichtlichen Wirklichkeitsverständnis geprägt. Im Rahmen eines vorrangig konstruktionsgeschichtlichen Exegese-Verständnisses ist ihr primäres Ziel, die neutestamentliche Konstruktionsgeschichte zu erheben und verstehbar zu machen. Die applikativ orientierten Angebote bestimmt schwerpunktmäßig das Verstehensmodell der Gestalttherapie. Des weiteren besteht aus inhaltlichen wie studienorganisatorischen Gründen eine Fein-Differenzierung, die sich zum einen in interdisziplinären und bibeldidaktischen Angeboten zeigt sowie zum anderen in regelmäßigen Studien-Exkursionen. Die anstehende Modularisierung des Studiums führt zu einer weiteren formalen und inhaltlichen Diversifikation.

Analyse

Materiale Arbeitsgrundlage ist zunächst der Textkorpus des "Neuen Testaments". Hermeneutische und methodische Arbeitsgrundlage ist ein vorrangig konstruktionsgeschichtliches Exegese-Verständnis.

Beim primären Arbeitsmaterial "Neues Testament" handelt es sich um eine Sammlung von 27 Schriften, entstanden in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts. Sie ist als geschichtliches Zeugnis verwoben in die lebensweltliche Kontextualität und Intertextualität der altorientalisch-biblischen, hellenistisch-frühjüdischen und römisch-hellenistischen Zeit und Kultur. Deren literarische Zeugnisse gelten als Koordinatensystem für die Produktion und Rezeption der neutestamentlichen Schriften. Notwendigerweise müssen deshalb vorrangig das "Alte Testament" sowie die "Zwischentestamentarische Literatur" bzw. die "Jüdischen Schriften aus der hellenistisch-römischen Zeit" die primären Arbeitstexte ergänzen Aus Gründen der wirkungsgeschichtlichen Verhangenheit allen Verstehens muss die antik-frühchristliche Textbasis zusätzlich erweitert werden, wenigsten um die Dokumente der zentralen Auslegungsstränge und Interpretationsmodelle in der älteren wie jüngeren Kirchen-, Theologie- und Forschungsgeschichte.

Als hermeneutische Basis, von der aus das Textmaterial in den Blick genommen und beurteilt wird, fungiert die Erkenntnistheorie des so genannten Konstruktivismus. Methodisch wirkt sich diese heuristische Grundlage insofern aus, als das gängige Methodenensemble - sowohl in seiner diachronen wie auch synchronen Gewichtung - unter konstruktionsgeschichtlichem Vorverständnis Anwendung findet (vgl. Konstruktionsgeschichtliches Exegese-Verständnis). Dies hat zum einen eine bestimmte Qualifizierung der diversen Arbeitswege zur Folge und führt zum anderen zu einer gewissen Integration der diversen Methoden. Möglich wird dies durch die Fokussierung des Leitinteresses auf die jeweilige Lebenswelt und ihre Modelle der Wirklichkeitskonstruktion.

Auf der Basis dieser primären heuristischen Fragestellung wird die andernorts übliche Trennung des neutestamentlichen Arbeitsfeldes in die Gebiete "Einleitungswissenschaft" und "Exegese" nicht übernommen. Leitend für die Einführung in die bibelwissenschaftliche Praxis und deren verständige Handhabung ist nicht die literarisch imprägnierte Perspektive, die sich an Text-Phänomenen orientiert (Werk, Gattung, Formeln). Leitend ist vielmehr ein "ästhetischer" Blickwinkel, der die analytische Aufmerksamkeit fokussiert auf biblische und spezifisch neutestamentliche "Brillen" der Wahrnehmung. Ihrer Verschriftlichung und Vertextung durch Autoren und Redaktoren sowie ihrer kanonischen Verortung - im literarischen Rahmen eines jeweiligen Werkes - gilt das weitere analytische Interesse. In den Vordergrund der anvisierten bibelwissenschaftlichen Kompetenz rückt so die Fähigkeit, methodisch reflektiert Wirklichkeitswahrnehmungen und Erfahrungen in ihrer geschichtlichen und theologischen Dimension und Relevanz zu eruieren.

Im Zentrum steht natürlich die Historie und Geschichte des Jesus von Nazareth als des "Christus". Seine "Einmaligkeit" wird dabei dezidiert in ihrer lebensweltlichen Kontextualität und wirkungsgeschichtlichen Perspektivität in den Blick genommen. Auf diese Weise zeigt sich u.a. die für das christliche Selbstverständnis unabdingbare Komplementarität von Altem Testament und Neuem Testament. Darin gründen dann auch Authentizität und Anspruch einer im eigentlichen Sinne "biblischen" Theologie.

Das neutestamentlich-bibeltheologische Angebot strukturiert sich im analytischen Bereich als curricular aufgebaute Schrittfolge von Grundkurs, Fundierung, Vertiefung und Vernetzung. Im Rahmen der anstehenden Modularisierung wird dabei versucht, der Stofffülle vornehmlich in einstündigen Veranstaltungen des Typus Vorlesung / Übung gerecht zu werden.

Applikation

Applikation wird im strengen Sinne der Wortbedeutung verstanden: als konkrete "Anwendung" im Sinne eines "persönlichen Kontakts" mit dem neutestamentlichen Schriftwort. Die dabei intendierte Begegnung ist letztlich motiviert durch die bibeltheologische Überzeugung von der "Wirkmächtigkeit" des Gotteswortes.

Dieses Verständnis von Applikation findet entsprechenden Ausdruck im Studienangebot: Den Studierenden wird über die andernorts üblichen Veranstaltungen zu einer selbstreflexiven Interpretation der neutestamentlichen Zeugnisse und den ihnen entsprechenden so genannten "neueren" Methoden hinaus auf dezidiert freiwilliger Basis die Möglichkeit geboten, an Selbsterfahrungsseminaren teilzunehmen. Hermeneutisch und methodisch orientieren sich die in Form von Workshops abgehaltenen Veranstaltungen schwerpunktmäßig am Verstehens- und Interventionsmodell der Gestalttherapie. Je nach Zusammenarbeit mit anderen ExpertInnen ganzheitlicher, prozessorientierter Verstehenspraxis finden ergänzend-alternative methodische Verfahren Berücksichtigung.

Konstruktivistische Erkenntnistheorie

Die konstruktivistische These entzündet sich an der uralten Frage: "Wie wirklich ist die Wirklichkeit?" (vgl. den Titel des bekannten Buches von Paul Watzlawick). Die Antwort des Konstruktivismus: Was der Mensch als wirklich wahrnimmt, ist das, was er als wahr annimmt! Menschliche Wahrnehmung bildet die Realität, wie sie außerhalb von uns "an sich ist", nicht ab. Anders als der naive Realismus meint, rekonstruieren wir nicht einfach die objektive Realität. Wir "konstruieren" vielmehr die Wirklichkeit in der Form und auf die Art, wie die Realität auf uns "wirkt". Wirklichkeit ist folglich eine Wirk-Weise der Realität. Und zwar der Weise, wie sie sich Menschen ein-drückt und wie Menschen sie aus-drücken. Wirklichkeit ist so gesehen ein menschliches "Faktum", von Menschen "gemacht", erstellt.

Wie kommt es zu dieser Annahme? Zugrunde liegt die Beobachtung, dass es zwischen der Realität, in der sich der Mensch vorfindet, und dem Menschen als reales Lebewesen keinen unmittelbaren Kontakt gibt. Wie neurobiologische, hirnphysiologische, psychologische, systemtheoretische und wissensoziologische Untersuchungen plausibel erscheinen lassen, ist uns der Zugang zur Realität grundsätzlich nur indirekt möglich. Über unsere menschlichen Kontaktorgane und Schaltstellen nämlich. Zuallererst unsere sensitive Körperlichkeit und kognitive Gehirnstruktur, sodann aber nicht weniger bestimmend unsere seelische Emotionalität und normierende Sozialität. Sie bilden die axiomatischen Voraussetzungen für jegliches Wahrnehmung und Erkennen, Erleben und Erfahren. Auf ihrer Basis werden die Impulse des realen "Außen" quantitativ und qualitativ gefiltert, sortiert und mit Bedeutung versehen.

Veranschaulichen - etwas plakativ zwar, aber doch eindrücklich - lassen sich unsere alltäglichen Konstruktionsleistungen mit Hilfe der so genannten optischen Täuschungen

Optische Täuschungen

Das zugrunde liegende Phänomen: Wir ordnen und bestimmen die sensitiv vermittelten Impulse nach uns bekannten kognitiven Mustern. Diese Synthetisierung vollziehen wir dabei grundsätzlich in der Form, dass wir unterscheiden und in Beziehung setzen, zum jeweiligen Kontext nämlich und Hintergrund. Wir stellen in einen Zusammenhang und schaffen damit Zusammenhänge, Zusammenhänge im Sinne von Bedeutungen. Besonders eindrucksvoll kann diese systematisierende Deutung die so genannte Kaniza-Täuschung demonstrieren:

Abb. 2: Kaniza-Täuschung

Die drei Kreise, denen jeweils ein Segment fehlt, und die drei offenen Winkel ergänzen wir auf der Basis unserer kognitiven `BrilleA und konstruieren geometrische Figuren, die wir dann als zwei übereinander liegende Dreiecke sehen. Auch an den so genannten Kippbildern lässt sich das Phänomen unserer Wirklichkeitskonstruierung plausibel machen:

Abb. 3: Alte / Junge - Frau
Abb. 4: Eskimo / Indianer

Bei gleichbleibender Summe der Außen-Impulse auf sensitiver Ebene verändert sich die Wahrnehmung je nach Deutung "alte Frau" / "junge Frau" bzw. "Eskimo" / "Indianer". Was ich jeweils sehe, hängt u.a. davon ab, welchen Bezug ich zur jeweils wahrgenommenen Wirklichkeit habe.

Schon dieses Kippbilder-Phänomen weist darauf hin: Je komplexer das Impuls-Spektrum wird, desto umfassender und diffiziler sind die einzelnen Seiten der menschlichen Resonanzmöglichkeit und Sinngebung gefordert und kommen ins Spiel. Den emotional-affektiven Beitrag unserer Psyche wagen wir manchmal gar nicht zu ahnen. Der normierend-wertende Einfluss unserer individuellen Sozialisation bleibt uns oft unbewusst - insbesondere auch im Tätigkeitsfeld der so genannten "objektiven" Wissenschaften und ihrer ach so "wertfreien" Interessen. Immer schon stellen wir uns selbst in Beziehung und setzen uns mehr oder weniger ins Verhältnis. Allgemeiner Maßstab ist dabei, wie weit die Wahrnehmung bzw. die Deutung tauglich ist für´s "Überleben". Von `ViabilitätA spricht die konstruktivistische Diktion. Gemeint ist: Unsere Konstruktionsmodelle und die Interpretationsmuster, die daraus resultieren, sind von einer lebensdienlichen Pragmatik bestimmt. Entscheidend ist, ob es "passt" und "funktioniert". Dies allerdings nicht im Sinne eines beliebigen Utilitarismus, sondern einer existentiellen Notwendigkeit und expansiven Möglichkeit. Ausschlaggebend ist, was uns hilft, uns zurecht zu finden, Ordnung und Orientierung schafft, Halt gibt, Wege eröffnet, persönlich und sozial Diffusionen und Kontraktionen überwinden hilft und "expandieren" lässt, Leben und Lebendigkeit ermöglicht und erhält.

Was ist die Konsequenz dieser Annahme? Die Wirklichkeit ist meine bzw. unsere Wirklichkeit. Sie ist das Produkt einer interpretierenden Sinngebung, die bestimmt und charakterisiert wird durch unsere "Beobachter"-Tätigkeit. Diese wiederum ist geprägt durch unsere sensitive, kognitive, psychische und soziale Kompetenz. Die sinnlich und geistig vermittelte und biographisch verankerte Konstruktion endet dabei durchaus nicht im puren Subjektivismus. Denn der selbstreferenzielle Bezug von Umwelt und Mensch ist in der Regel eingebettet in den synreferenziellen Rahmen eines sozialen Systems und ihrer Lebenswelt.

Das aber bedeutet: Die alte skeptisch-aufklärerische Überzeugung, "ich glaube (nur), was ich sehe", ist genauso unrichtig, wie die auf aufgeklärt-postmoderne Überzeugung "ich sehe (nur), was ich weiß", zu kurz greift. Die erkenntnistheoretische Parole müsste heißen: "Ich sehe (und weiß), was ich glaube" - und zwar in einer Gemeinschaft, die meine Überzeugungen teilt! Dabei sehen wir, was wir glauben, um so deutlicher und wirkungsvoller, je intensiver wir kognitiv und emotional in eine solche Interpretationsgemeinschaft eingebunden sind.

    

Konstruktionsgeschichtliche Wirklichkeitsverständniss

In meiner sozialgeschichtlichen Verankerung ist meine Wirklichkeit immer schon "unsere" Wirklichkeit - als lebensweltlich vermittelte. Jeder Eindruck von Menschen und jeder menschliche Ausdruck, jegliches Weltbild und jegliches Selbstverständnis ist folglich das aktuelle Ergebnis einer Konstruktionsgeschichte. Im ontogenetischen und monogenetischen Prozess, in der individuellen Entwicklung innerhalb einer Kollektiv-Geschichte bilden sich lebensweltliche "Brillen" der Wirklichkeitskonstruktion. Je konstanter der gesellschaftliche Kontext und die persönliche Situation, desto stabiler die Nachhaltigkeit dieser Konstruktions-"Rahmen".

Abb. 5: Brille

Nun schwimmen wir aber alle im prozesshaften Strom der Wirkungsgeschichte. Und nur allzu gut wissen wir um die Kontingenz des menschlichen Dasein. Und immer deutlicher wird uns die Komplexität eines systemisch-verwobenen Lebens bewusst. Aus der damit verbundenen strukturellen Offenheit und Dynamik resultiert das so genannte "Reframing" - nicht nur als Möglichkeit, sondern geradezu als Notwendigkeit: Gängige, konventionelle "Rahmen" der Konstruktion verändern sich, werden "um(ge)rahmt". Durch Tradition, Biographie und gesellschaftliche Anerkennung sanktionierte "Brillen" werden neu justiert. Die Geschichte der Konstruktion von Wirklichkeit ist im Gange.


Die Plausibilität der jeweiligen gesellschaftlichen Wirklichkeit und ihrer subjektiven Gewissheit ergibt sich dabei offensichtlich aus folgenden Maßgaben:


   1. Eine Gruppe lebt in einem bestimmten Sinnzusammenhang. Von ihm her als der gemeinsamen lebensweltlichen "Brille" interpretiert und definiert sie das, was vor sich geht.

   2. Aus der Lebens-Praxis heraus bildet sich auf der Basis von Tradition und Wiederholung eine gewisse Relevanz. Diese erreicht durch die Gewissheit der Anderen sowie der von "Spezialisten" sowie der von "Institutionen" eine gewisse Evidenz. Zerbricht diese Evidenz - dann nämlich, wenn die "Viabilität" nicht mehr gewährleistet ist -, treten neue Axiome an die Stelle der alten und verändern damit den sozial geteilten Sinnzusammenhang und bestimmen die Lebenswirklichkeit neu.

   3. Mit den neuen "Brillengläsern" ändert sich das Muster der Wirklichkeitsdeutung. Wir lernen, Alltagssitua¬tionen nach diesem neuen Wahrnehmungsmuster zu definieren, weil uns dann die Wirklichkeit wieder "viabel" erscheint.


Das aber bedeutet: Jede Zeit hat mehr oder weniger ihre "Brille(n)", durch die sie die Realität wahrnimmt und Wirklichkeit erstellt. So ist z.B. die heutige "Brille" basal bestimmt durch das Wahrnehmungs- bzw. Interpretationsraster der Naturwissenschaften mit ihrer aufgeklärten Rationalität und physikalisch-mechanistischen Naturgesetzlichkeit. Zu anderen Zeiten herrsch(t)en andere "Brillen". Um die Eindrücke der Menschen der jeweiligen Zeit nachempfinden und ihre Ausdrücke verstehen zu können, müssen wir die Justierung der jeweiligen "Brillen" kennen - was notwendigerweise eine streng historisch-kritische Fokussierung auf die jeweilige Lebenswelt und ihre Lebensformen bedeutet.

Konstruktionsgeschichtliches Exegese-Verständnis

Sobald und solange die Zeugnisse der Bibel als geschichtlicher Ausdruck der biblischen Lebenswelten und -formen verstanden werden, bekommt der konstruktivistische Ansatz Geltung auch für die biblische Wirklichkeit. Auch für sie gilt dann, was für alle Wirklichkeit gilt. Sie ist "erstellt" nach der Maßgabe des "biblischen" Glaubenswissens. Dieses wiederum ist geschichtlich bedingt, d.h. inhaltlich und formal gefärbt durch den Kontext der jeweiligen Zeit. Entsprechend notwendig ist eine historisch-kritische Analyse der Textzeugnisse nach dem konstruktionsgeschichtlichem Modell.

Konkret geht es um die Frage: Welche biblische "Brillen" der Wirklichkeitskonstruktion lassen sich eruieren? Zu welchen Zeiten herrschten welche Konstruktionsrahmen? Zum einen bei den Zeitzeugen (= "1. Beobachter"), zum anderen bei eventuellen Tradenten (= "2. Beobachter"), zum dritten bei den Redaktoren der jeweiligen Werke (= "3. Beobachter") und zum vierten bei den Redakteuren des jeweiligen Kanons (= "4. Beobachter").

Das bedeutet grundsätzlich: Bei aller Relevanz der synchronen Textebene für das Verstehen des Textes -das analytische Interesse kann sich nicht nur wieder auf das Historische im Text bzw. hinter dem Text konzentrieren, sondern muss dies unabdingbar wieder tun. Nicht um einen "Ein-für-allemal-Sinn" zu erheben, sondern um die "ersten Beobachter" und ihr Glaubenswissen in den Blick zu bekommen. Deren Relevanz für ein christliches Welt- und Selbstverständnis liegt gerade unter konstruktionsgeschichtlicher Perspektive auf der Hand: Wenn wir Wirklichkeit nicht abbilden, sondern erstellen, dann stehen unsere Konstruktionen hinsichtlich ihrer Wahrheit bzw. Wahrhaftigkeit grundsätzlich und immer in Frage. Was christliche Frömmigkeit ausmacht, ist dann nichts anderes, als unsere Wirklichkeitskonstruktion in den biblischen Wirklichkeitskonstruktionen zu spiegeln und an ihnen zu orientieren. Das ist es doch wohl, was das Credo mit "Glaube an die ... apostolische Kirche" meint.

Auf dieser Ebene des konkreten Verstehens im Sinne persönlicher Applikation schließlich müssen dann die aktuellen Konstruktionsrahmen in den Blick kommen, die `BrillenA der heutigen Rezipienten, wir als die "5. Beobachter" sozusagen.

Auf methodischer Ebene lässt sich nahtlos anknüpfen an dem, was die biblische Exegese im Laufe ihrer Wissenschaftsgeschichte als Methodenschritte erarbeitet hat - sei es in diachroner, sei es in synchroner Orientierung. Zentrum und Fokus des Interesses ist immer die Lebenswelt, wie sie im Text durchscheint und vorkommt. Dabei wird das Methodenensemble differenziert nach "Beobachter"-Ebene zur Anwendung kommen müssen.

Auf der fünften "Beobachter"-Ebene gilt es, je nach dem, was man unter "konkretem Verstehen" versteht, insbesondere auf Methoden der Selbstreflexion zurück zu greifen. Soll ein persönlicher Bezug intendiert werden, kommen darüber hinaus Methoden ins Spiel, die Selbsterfahrung in "ganzheitlicher" Text-Begegnung ermöglichen können. Auf gestalttherapeutischer Basis verstehe ich darunter weniger die so genannten "leserorientierten" Zugänge. In den Mittelpunkt rücken vielmehr prozessorientierte Methoden, die eine dynamisch-therapeutische Begegnung intendieren.

Im obligatorischen Studienbetrieb der Universität werden solche Methoden kaum Platz haben können, vom existentialen Auslegungsmuster oder gestaltpädagogischen Ansätzen innerhalb der Religionsdidaktik abgesehen. Verantwortbar und praktikabel sind sie allerdings in "außerplanmäßigen" Angeboten zur Applikation, die dezidiert offen sind für Kontakte auf der Beziehungsebene und die Dimension der Selbsterfahrung.

Auf den "Beobachter"-Ebenen zwei bis vier treten solche Methoden in den Vordergrund, die das fiktionale Kommunikationsgeschehen und seine mündliche und / oder schriftliche Rezeptionsgeschichte zu beschreiben suchen. Die Analyse ist interessiert an Phänomenen, die sich in erster Linie unter form- und redaktionsgeschichtlicher sowie literaturwissenschaftlich-rezeptionsästhetischer Fokussierung zeigen. Daneben gilt es vor allem Beobachtungen zu berücksichtigen, die über traditions- und theologiegeschichtliche Prozesse Auskunft geben.

Auf der ersten "Beobachter"-Ebene geht es um die Erlebnisse und Erfahrungen der Zeit-Zeugen - Eindrücke, die allen mündlichen wie schriftlichen Ausdrücken zugrunde und voraus liegen. Von Relevanz sind sämtliche Methoden, die die lebensweltlichen Bedingungen der Möglichkeit solcher Eindrücke eruieren helfen. Insbesondere wird es um begriffs- und motivgeschichtliche wie religions- und sozialgeschichtliche Indizien gehen.

 

Neutestamentliche Konstruktionsgeschichte

Die Zeitzeugen, die sich in den Schriften des Neuen Testaments äußern, sind Menschen der Zeitenwende bzw. des 1. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung. Ihre lokale Heimat ist der östliche Mittelmeerraum, vor allem die palästinisch-syrischen und kleinasiatisch-griechischen Länder. Die gesellschafts- und religionspolitische Färbung ihres Alltags schillert im Amalgam von hierokratischen Interessen und römischer Weltherrschaft. Auf den lebensweltlichen Vorgaben dieser antiken Zeit- und Raumgeschichte muss / müssen der / die Konstruktionsrahmen der Jesusbewegung und der frühen Christen basieren. Es dürften insbesondere drei kulturelle Einflussbereiche gewesen sein, die die "Brillen" unserer "1. Beobachter" konstituierten:

  • das Alte Testament,
  • der Hellenismus und
  • das Frühjudentum.
Abb. 6: Kulturelle Einflussbereiche der Zeitenwende

Was immer Jesus und seine Zeitgenossen und die ersten Christen wahrnahmen, was immer für sie Wirklichkeit war und sie als solche zum Ausdruck brachten, muss initiiert und motiviert sein durch die Imprägnierungen der vorderorientalisch-alttestamentarischen, hellenistisch-römischen und reformorientiert-frühjüdischen Überzeugungen und Perspektiven. Auf ihrer Basis ruht die alltagsweltliche Viabilität. Und im Rahmen ihres Zusammenspiels kommt es zu Reframings, die (an)passend und (um)funktionierend "Leben ermöglichen". Dabei dürfte von einer komplexen Systemik von gängigen, teils lang tradierten, teils neu etablierten Modellen der Wirklichkeitskonstruktion auszugehen sein.

Um im Optiker-Bild zu bleiben: Für eine viable Justierung der Wahrnehmungseinstellung standen unterschiedlich "getönte" Brillengläser zur Verfügung - aus der heilsgeschichtlichen Sparte und der weisheitlichen, der prophetischen und eschatologischen, der messianischen und theokratischen, der kultgemeindlichen und apokalyptischen.

Abb. 7: Brille mit Monokel
Abb. 7: Brille mit Monokel

Im einzelnen differenzieren sich diese in die vielfältigen theologischen, anthropologischen und kosmologischen Konventionen und "Neo"-Logumena, aber natürlich auch die christologischen, pneumatologischen und ekklesiologischen Vorgaben und Fortschreibungen. Dazu die diversen gesellschaftspolitischen, sozialgeschichtlichen, rechtlichen und ethischen Implikationen und Ausformungen. Die Erkenntnisse der begriffs-, motiv-, theologie-, religions- und sozialgeschichtlichen, der kulturanthropologischen und historisch-psychologischen Forschung ergeben ein reichhaltiges, diffiziles "Brillengläser"-Repertoire.

Hochschuldidaktik - konstruktivistisch

Die konstruktivistische Hermeneutik, wie sie das bibelwissenschaftliche Arbeiten prägt, findet auch auf der (hochschul)didaktischen Ebene Berücksichtigung. Sämtliche Veranstaltungen orientieren sich an der Option Kompetenzerweiterung, wodurch die Dimension des selbst-entdeckenden Lernens in den Vordergrund rückt.. Die entsprechenden Studien- und Prüfungsleistungen finden ihren paradigmatischen Ausweis im fachwissenschaftlichen Modul der „Einleitung in das Neue Testament“, wo die spezifische Methode der dialogischen Szenierung zum Einsatz kommt.
1. Ausgangsbedingungen
Wie jede andere fachwissenschaftliche Bildung/Ausbildung für das Lehramt agiert auch die bibli­sche Theologie unter der Maßgabe einer Studienordnung, deren zeitliche Normierung eine markante Kondensierung in der Sache bedingt. Von daher bedarf eine verantwortliche Vermittlung der bibli­schen Themen wie deren reflektierte Durchdringung einer wohlüberlegten Reduktion der hermeneu­tischen, historisch-kritischen und theologischen Inhalte.
1.1 Studientechnische Gegebenheit
An der Universität Hannover kann Katholische Theologie im Fächerübergreifenden Bachelor als Major- und als Minor-Fach studiert werden. Für die Biblische Theologie sind im Major-Fall sieben Veranstaltungen zu jeweils zwei Semesterwochenstunden obligatorisch (Basismodul 1b; Vertie­fungsmodule 1a.b; 2a.b; 7a; Aufbaumodul 1a). Im Minor-Fall reduziert sich das biblische Angebot auf vier Veranstaltungen (Basismodul 1b; Vertiefungsmodule 1a.b; 7a). Notwendigerweise und un­abdingbar führt das beschränkte Veranstaltungsbudget dazu, die hermeneutische, methodische und theologische Dimension inhaltlich-thematisch zu verzahnen und die Verbindung ihrer komplemen­tären Eigenheiten synergetisch zu nutzen.
1.2 Bibelwissenschaftliche Lernpraxis
Als konstitutive Forschungsperspektive hat sich innerhalb der Fachwissenschaft Biblische Theolo­gie die so genannte Einleitung (bzw. Bibelkunde) etabliert. Ihre basale Dimension für ein angemes­senes Verstehen der biblischen Texte steht außer Frage. Von der exegetisch-analytischen Idee her ist sie konstitutiv verquickt gedacht mit exegetischen Kenntnissen und theologischen Zusammenhän­gen. In der bibelkundlichen Praxis freilich steht sie – aus heuristisch nahe liegenden Gründen – ger­ne separiert und findet im universitären Lehr-Lern-Geschehen üblicherweise darin Ausdruck, dass der spezifische Fokus der einleitenden Frageperspektive in einer gesonderten Veranstaltung themati­siert und demonstriert wird. Im hannoverschen Fall handelt es sich dabei (im Bereich NT) um das Vertiefungsmodul „Themen und Texte des NT“ (VM 2a), obligatorisch für jeden Sek-II-Studien­gang. Nun begann sich in der einleitungswissenschaftlichen Sache seit den 1980er Jahren bereits „ein in­ternat(ionaler) u(nd) interkonfessioneller Forschungskonsens anzubahnen“1. Dementsprechend ist der diesbezügliche Fragen- und Themenkatalog in den etablierten Standartwerken umfänglich er­schlossen, mittlerweile auch im Netz vielgestaltig thematisiert und aufbereitet. Für das Lehr-Lern-Geschehen führt dies gerne zu zwei problematischen Folgeerscheinungen: Die Studierenden geraten in die Gefahr, äußere Werk-Daten deskriptiv-reproduktiv aufzulisten und sie ohne hermeneutische Einbindung im Stil einer Steinbruch-Analyse faktenhuberisch zu entsorgen. Nachweislich sieht sich die LernerIn dabei auch der Versuchung ausgesetzt, an den vielfältigen Vorlagen im Netz zu partizi­pieren. Die dadurch aufgezwungene Plagiatsjagd bedeutet für verantwortungsbewusste Dozierende eine nicht geringe Eintrübung ihres Lehr-Lern-Verständnisses – und dies, nachdem sie in den ent­sprechenden Studien- und/bzw. Prüfungsleistungen eh schon jedes Jahr neu das Immerimmergleiche lesen dürfen!
1.3 Bibelpastorale Lernpraxis
Nach diversen Gestaltungsversuchen, die formal- und sachproblematischen Zonen einleitungswis­senschaftlichen Arbeitens für alle am Lehr-Lern-Geschehen Beteiligten gewinnbringend zu verän­dern, eröffnete sich mir eine neue, verlockende Idee im außeruniversitären Rahmen der Bibelpasto­ral: Während meines langjährigen Engagements in der Erstkommunion-Katechese hatte ich den Versuch gewagt, auf dem Weg einer explizit narrativen Vermittlungsform den bibeltheologi­schen Wissensschatz zugänglich zu machen und gleichzeitig seine aktuelle Bedeutung nachhaltig zu verorten. Das Ergebnis liegt in Buchform mit dem Titel „Die Kinder von Ostia“2 vor. Ausgangspunkt der Erzählung für circa neunjährige Kinder war die Beobachtung, dass das ange­sprochene Familienklientel weitestgehend außerhalb jeglichen kirchlichen Selbstverständnisses lebt und der christlichen Glaubenspraxis nahezu vollständig entfremdet ist. Die damit einhergehende christologische und ekklesiologische Unmusikalität galt es als Chance zu begreifen: In der nach­christlichen Postmoderne findet sich die Sakramentenkatechese religionssoziologisch und -phäno­menologisch auf einer analogen Ebene mit der frühchristlichen Pastoral und ihrer Verortung in der antiken Lebenswelt. Was liegt näher, als heutigen Rezipienten, vornehmlich Kindern im Erstkom­munionalter, einen Zugang zur Jesusgeschichte und deren Erinnerungspotential über die frühchrist­liche Lebenswelt zu eröffnen? Bedingung der Möglichkeit ist natürlich der Modus des Erzählens, der in entsprechend engagierter Form nach wie vor die Ohren von Kindern öffnet und ihre Augen groß werden lässt. Strategisches Ziel der „spannenden Geschichte über die ersten Christen zur Zeit Kaiser Neros“ war es deshalb, auf bibelwissenschaftlich stimmiger Basis die Grundüberzeugungen des frühen Christentums in ein narrativ-kindertheologisches Gewand zu kleiden. Die heutigen Rezi­pienten sollten in das damalige Geschehen involviert werden, sich in Kontakt begeben mit Alltags­erfahrungen, die christliches Selbstverständnis und entsprechende Lebensgestaltung im römischen Reich mit sich brachten. Nun erwies sich nicht allein der spezielle Fokus auf die Erlebensperspektive von Kindern als Hürde für meinen Anspruch eines adäquaten Transfers. Die spezifischen Schwierigkeiten und Chancen ei­ner erzählenden Bibel-Didaktik wurden lebendig und konkret vor allem im Schreibprozess selbst: Ein zweifacher Rollen-Wechsel ist nötig, um dem biblisch-geschichtlichen Geschehen wie den ak­tuellen Rezeptionsmöglichkeiten gerecht zu werden. Sowohl das zeitgeschichtliche Setting als auch die biographische Verortung verlangen eine alternierende Perspektivierung. Gleichzeitig fordern das dynamische Kommunikationsgeflecht und die dramatische Geschehensentwicklung eine kreative Ästhetik, die zwischen Fremdem und Eigenem changiert. Beinahe automatisch führen diese An­sprüche zur Intensivierung analytischer Aufmerksamkeit und textpragmatischer Wachheit einerseits, dialogischer Kontaktbereitschaft und szenischer Experimentierfreude andererseits. So zeigte sich zuletzt, dass das Wagnis eines authentischen Transferversuchs mit einem nachhaltigen Gewinn an instruktionalem Wissen und konstruktionaler Kompetenz einherging.
1.4 Hochschuldidaktische Erwartungsperspektive
Eine alternativ-kreative Erschließung der biblischen Sache enthält das Potential, die pejorativen Umstände vermeiden zu helfen, wie sie im oben skizzierten gängigen Modus der einleitungswissen­schaftlichen Vermittlung aufzutreten pflegen. Die entsprechende Erarbeitung der Spezifika bibel­kundlicher Einleitung berücksichtigt gleichzeitig zwei maßgebliche Ansprüche: die bibelwissen­schaftlich konstitutive Verbindung von Bibelkunde und Bibeltheologie zum einen, die universitäre Bildung im Rahmen einer modularisierten Studienordnung und der entsprechenden Prüfungsleis­tung zum anderen. Didaktische Anleihe nimmt dieses komplexe Anliegen bei der konstruktivistischen Religionsdidak­tik3: Im Fokus der Bildungsintention steht das lernende Subjekt. Dessen je eigene und stimmige Po­sition im Lerngeschehen gilt es zu protegieren durch subjektive Anreize. Der in dieser Form indivi­dualisiert angedachte Lernprozess ist getragen von einem eigenaktiven Engagement, das durch vier konstitutive Potentiale gekennzeichnet ist: Existentialität, die in jeweils subjektbezogener Vorstellungswelt und Lebensgeschichte gründet; Reflexivität, die alternierend auf der de-, re- und ko-konstruktiven Sachebene agiert; Kommunikativität, die Austausch, Konfrontation und Kontakt anvisiert; Ästhetizität, die im Sinne von Wahrnehmung und Gestaltung wach und kreativ sein lässt. Mit dieser konstruktivistisch-didaktischen Orientierung werden die Anliegen, die studientechnisch und bibelwissenschaftlich gefordert sind, dahingehend aufgegriffen, dass eine synergetische Zusam­menschau methodisch protegiert wird, um sie nachhaltig zu festigen.
2. Die Methode dialogische Szenierung und ihre studientechnische Verortung
Die individuellen Erfahrungen auf universitärer wie kirchengemeindlicher Ebene und der Anspruch einer konstruktivistisch-pädagogischen Haltung4 motivierten zu einem Projekt, das sich nach mittlerweile mehrmaliger Durchführung verstetigt und bestens bewährt hat Das methodische Vorhaben wurde konkretisiert unter Maßgabe der gängigen modula­ren Studienordnung auf der Basis bzw. im Rahmen der konstruktionsdidaktischen Eckdaten.
2.1 modulare Verortung des bibeltheologischen Studiums
Die Fachdisziplin „Biblische Theologie. Schwerpunkt Neues Testament“ ist auf der Ba­sis und im Kontext der historisch-kritischen Bibelwissenschaft konstruktionsgeschichtlich konzipiert.5 Der entsprechende Lehr-Lern-Prozess thematisiert – modular strukturiert – die bibeltheologische Sache sukzessive und curricular. Dabei ist es eine dezidiert hermeneutische Perspektive, die den erkennt­nistheoretischen Ausgangspunkt, die theologische Ausrichtung und die inhaltlichen wie methodi­schen Einzeletappen des Lehr-Lern-Geschehens vorgibt.
2.1.1 Grundkurs (BM 1b)
Der biblische Text als „Gotteswort in Menschenwort“6 konfrontiert letztlich – bzw. zuallererst – mit einer erkenntnistheoretischen Frage: Wie lässt sich auf der Basis anthropologischer Kontingenz und immanenter Geschichtlichkeit das Phänomen des Theistisch-Göttlichen und seine transzendente Fremdheit überhaupt wahrnehmen, erkennen, aussagen, verschriftlichen und verstehen? Eine kon­struktivistisch aufgefasste und betriebene Bibelwissenschaft rückt im entsprechenden Grundkurs die „biblische Konstruktionsgeschichte“ in den Mittelpunkt.
Bevor es um exegetische Spezifika geht, will das schrift-hermeneutische Essential bewusst gemacht sein. Ausgehend von den gewöhnlichen Irritationen, die bei der Lektüre biblischer Texte entstehen, werden auf der Basis der konstruktivistischen Erkenntnistheorie biblische Modelle der Wirklich­keitskonstruktion („Brillen“) thematisiert und damit bibeltheologische Axiome von „Offenbarung“ aufgezeigt. Mit Hilfe dieses Wissens sollen die Studierenden eine Bewusstheit erlangen davon, dass „Wirklichkeit“ zu verstehen ist als „Beobachtung“ aus individuell-subjektiver Perspektivität, die in biographisch-sozialer Normierung verortet ist. Die biblische(n) „Wirklichkeit(en)“ sind dementspre­chend als Wahrnehmungsergebnis biblischer „Brillen“ zu deuten und zu verifizieren. In stringenter Konsequenz lässt sich „Offenbarung“ als Begegnung zwischen göttlichem „Geheimnis“ und menschlichem „(reinen) Herz“ beschreiben.7
2.1.2 Vertiefung (VM 2a)
Die bibelhermeneutische Bewusstheit, wie sie im Grundkurs geschaffen wird, findet seine konkreti­sierende Fortführung im obligatorischen Vertiefungsmodul „Themen und Texte des NT“ (VM 2a) sowie in den fakultativen Vertiefungsmodulen „Exegese und Theologie des NT“(VM 2b) und „Bib­lische Hermeneutik“ (VM 7a).8 Der für unseren Zusammenhang entscheidende Fragenkomplex der Einleitung bzw. Bibelkunde ist im Modul VM 2a situiert. Er findet Platz innerhalb der Veranstaltung, nachdem aufgezeigt ist, in welchem welt- und textgeschichtlichen Kontext die neutestamentlichen Werke verortet sind. Im Zentrum steht dabei der Fokus „literarische Konstruktion“. Sie thematisiert die Entstehungssituation des jeweiligen Werks im Blick auf die literarisch-kommunikative Beziehung zwischen Autor und Adressat: Inhalt und Struktur, Intention und Pragmatik werden wahrgenommen, qualifiziert und ge­deutet im präfigurierenden Zusammenhang mit Prätexten (Begriffe, Motive, Bilder), Kontexten (so­zial- und religionsgeschichtliche Situation) und Metatexten (Apriori an Überzeugungen, Werten, Normen, Strukturen).
3. Die Methode dialogische Szenierung und ihre konstruktionstechnische Verortung
Nach dem Gesagten sollte klar sein, dass den Studierenden die konstruktionale Aufgabe der dialogischen Szenierung nicht unvermittelt begegnet. Das Studium der „Biblischen Theologie“ ist modelliert nach dem Muster eines Terrains, das terrassenartig ansteigt: Hermeneutisch, inhaltlich und methodisch ist der Lehr-Lern-Duktus von einer kontinuierlich wachsenden Intensität bestimmt. Dabei rekurrieren sowohl die exegetische Sache als auch die didaktische Form jeweils auf entsprechende Vorstufen. Maßgebend ist ein pädagogisches Setting, das sich an der konstruktivistisch-didaktischen Leitkategorie „Lernlandschaft“9 orientiert – ein Lehr-Lern-Arrangement also, das den Lernenden eine Lernumgebung anbietet, die deren Lernkonstitution berücksichtigt und fördert. Die Lehr-Lern-Kontur lässt sich genauerhin als regionalisierte Lernlandschaft bezeichnen. Mit diesem metaphorischen Anliegen ist ein regional-gestuftes Arrangement gemeint: Die Studieninhalte sind modular portioniert und erstrecken sich über mehrere Semester. Die entsprechenden Studienanforderungen steigern sich auf kognitiver wie emotiver Ebene in Etappen.

selbstreflexorisches
Lerntagebuch

(Studienleistung)
visualisierendes
Handout

(Studienleistung)
dialogische
Szenierung

(Prüfungsleistung)
investigativer
Journalismus

(Studienleistung)
Biblische
Konstruktionsgeschichte
Literarische
Konstruktion
Literarische
Konstruktion
Lebensweltliche
Konstruktionsgeschichte

1. Semester3. Semester3. Semester4. Semester

Eine genaue Darlegung der Durchführung und Reflexion der Methode dialogische Szenierung findet sich im neuen Band der Reihe „Konstruktivistiche Bibeldidaktik“ (2014)!

Gestalttherapie

Bei der Gestalttherapie handelt es sich um ein psychotherapeutisches Verfahren, das auf den Vorstellungen und Überzeugungen der Humanistischen Psychologie basiert.
Der Begriff "Gestalt" leitet sich dabei nicht etwa von "gestalten" im Sinne einer kreativ-ästhetischen Betätigung als therapeutische Technik ab. Gemeint ist vielmehr primär ein Erfahrungs- Phänomen: Im Prozess unseres Erlebens schaffen wir immer "Ganzheiten", in die unsere körperlichen, sinnlichen, emotionalen, geistigen und sozialen Seiten involviert sind. Diese Erfahrungs-Einheiten haben zwar die Tendenz, sich durch Reinszinierungen zu verfestigen, sind im Grunde aber nicht von statischer Natur, sondern dynamische "Gestalten". Und zwar mit der kreativen Intention, Unabgeschlossenheiten in Form von Wiedersprüchen, Defizienzen, Disharmonien, Unstimmigkeiten (konkret: Verletzungen, Schuldgefühle, Ängste, unerfüllte Bedürfnisse, offene Fragen) zu schließen im Sinne einer Transformation hin zu einer stimmigeren Organisation und Ordnung, einer gerundeten, "guten" Gestalt. An dieser biophilen Intention knüpft die Gestalttherapie an, versucht sie zu initiieren, verstärken und begleiten. Dies gelingt nur über den Weg der "Bewusstheit". Gemeint ist damit das ganzheitliche Wahrnehmen und Erleben dessen, was in mir und um mich herum vor sich geht. Wegen der verschließenden Tendenz zu Verfestigung, Erstarrung oder Verdrängung sind hierfür meist verstörende, destabilisierende, "perturbierende" Interventionen nötig. Voraussetzung dabei ist eine unterstützende Begleitung in Form einer wohlwollend-anerkennenden Haltung und einer dialogisch-kontaktorientierten Praxis. Auf der Basis des Vertrauens eröffnet sich über ein aufmerksames Bewusstwerden und -sein ein Weg zur Veränderung: Einsicht in die Eigenbeteiligung am jeweiligen "Gestalten" Bereitschaft zur Übernahme von (Selbst) Verantwortung; Energie für eine entschiedene und konsequente Einübung der neuen Möglichkeit(en).

Interdisziplinarität

Der Anspruch an die "Biblische Theologie / Schwerpunkt Neues Testament" auf Interdisziplinarität ergibt sich aus hermeneutisch-inhaltlichen und studientechnisch-formalen Gründen.

Die hermeneutisch-inhaltlichen Gründe liegen zum einen in der Auffassung von der wirkungsgeschichtlichen Verhangenheit allen Verstehens, zum anderen in der Auffassung von der Notwendigkeit echten Verstehens als Anders-Verstehen. Beide Aspekte gelten für die schriftlich fixierte Gestalt der biblischen Tradition vornehmlich in ihrer literarischen Rezeptionsgeschichte. Dies nicht nur in Form der Fortschreibung innerhalb der kirchlich-theologischen Literatur, sondern auch außerhalb, im Bereich des so genannten weltlichen Literaturgeschichte. Gerade vielleicht sogar dort, schenkt man der für das Verstehen des Eigenen äußerst hilfreichen Fremd-Perspektive Beachtung. Diese zeigt sich in ihrer ganzen Vielfalt auf eindrückliche und oft verblüffende Weise beispielsweise in der Rezeption biblischer Modelle, seien sie inhaltlicher oder formaler Art. Auf dieser Basis werden seit Jahren in regelmäßigen Abständen gemeinsame Veranstaltungen mit der Disziplin "Neuere Deutsche Literaturwissenschaft / Vergleichende Literaturwissenschaft"der Universität Augsburg angeboten: thematisch orientiert an einem dieser biblischen Modelle, diskutiert auf der Grundlage von Textbeispielen aus biblischen und neueren europäischen Literaturlandschaft, erarbeitet im Rahmen des bibelwissenschaftlichen und literaturwissenschaftlichen Methodenrepertoires. Einen besonderen Reiz erhält diese interuniversitäre Zusammenarbeit nicht zuletzt durch die alternierenden Veranstaltungsorte: Jeweils in Sion / Wallis (Schweiz) und auf der Winkelmoosalm / Chiemgauer Alpen stehen den beiden beteiligten Universitäten Häuser zur Durchführung derartiger Blockseminare zur Verfügung. Die Umgebung in einer jeweils phantastischen Bergwelt trägt dabei ihren Teil bei für eine erfahrungsgemäß höchst fruchtbare Lernatmosphäre.

Es ist letztlich ein studientechnisch-formaler Grund der zu einer kontinuierlichen Interdisziplinarität anderer Art führt: den konfessionell-kooperativen Veranstaltungen zwischen der evangelischen und katholischen Abteilung. Was sich bereits durch das gemeinsame Institutswesen nahelegt, ist durch die Vereinbarung der Kirchen über einen konfessionell-kooperativen Religionsunterrichts in Niedersachsen (vgl. "Religionsunterricht in Niedersachsen", hrsg. von der Konföderation evangelischer Kirchen und den katholischen Bistümern in Niedersachsen) als Studienangebot gefordert. In der Disziplin "Biblische Theologie / Schwerpunkt Neues Testament" werden regelmäßig "inter-konfessionelle" Seminare angeboten, einerseits zum konfessionell imprägnierten Verständnis zentraler neutestamentlicher Texte, andererseits zu aktuellen kontroverstheologischen Themen in ihrem Rekurs auf die neutestamentliche Tradition.

    

Bibeldidaktik: Fachpraktikum 

Die Betreuung der Studierenden in ihrem Fachpraktikum II ist in der Disziplin "Biblische Theologie / Schwerpunkt Neues Testament" - neben der obligatorischen fachwissenschaftlichen Begleitung - dezidiert bibeldidaktisch orientiert. Dabei wird - auf der Basis einer konstruktivistisch orientierten Pädagogik - besonderer Wert auf eine Methodik gelegt, die sich dem entdeckenden, mehrkanaligen Lernen verpflichtet weiß. Die konkrete Umsetzung erfolgt in der Regel in Form des so genannten Lernzirkels. Erstellt und praktisch durchgeführt mit den jeweiligen Schulklassen wird dieser von den FachpraktikantInnen als Team.

Mittlerweile liegen einige Lernzirkel zu verschiedenen Schularten und Jahrgangsstufen vor:

  • "Die Wunder Jesu"
  • "Verstehst du auch, was du liest? - Intertextualität in der Bibel"
  • "Menschen am Rande  der Gesellschaft - Jesus und das Reich Gottes"
  • "Was ist Religion? - Das frühe Christentum im Kontext der hellenistischen Lebenswelt"
  • "Sünde und Erlösung - Neutestamentliche Anfragen und Antworten"
  • "Tod und Auferstehung - Die Antworten des Neuen Testaments"
  • "Die Kraft religiöser Räume - Christentum und die Weltreligionen"

Interessenten können gerne Kontakt aufnehmen.

    

Exkursionen im Bereich "Biblische Theologie NT"

Nach der Devise "entdeckendes Lernen vor Ort" werden in einem regelmäßigen Turnus - augenblicklich ein Zwei-Jahre-Zyklus - Studien-Exkursionen durchgeführt, und zwar in dezidiert bibelwissenschaftlich Orientierung und bibeltheologischer Motivierung.

Hermeneutische Basis ist das konstruktionsgeschichtliche Verständnis der biblischen Tradition und Wirkungsgeschichte. In diesem Rahmen spielt die Lebenswelt der Entstehung und Rezeption der biblischen Schriften eine zentrale Rolle für deren Verstehen. Konkret wird die lebensweltliche Situation insbesondere in den religions-, sozial- und kulturgeschichtlichen Kontexten. "Vor Ort" lässt sich etwas von der Atmosphäre dieser Kontexte in einer Weise verlebendigen, wie dies in den universitären `StudierstubenA nie möglich ist. Und dies sowohl in ihrer - bei aller Rudimentarität - erahnbaren Ursprünglichkeit als auch in ihrem Wirkpotential, aktuell erfahrbar in seiner Kontinuität und seiner Gebrochenheit und seiner oft fremden Andersartigkeit. Bisherige Ziele der Studienexkursionen: Israel / 2000 (Auf den Spuren des Jesus von Nazareth); Griechenland / 2002 (Auf den Spuren des Paulus); Rom / 2004 (Auf den Spuren der "römischen" Kirche).

Verantwortlich für die "Exkursionen im Bereich 'Biblische Theologie NT'" ist Prof. Dr. Alois Stimpfle.

 

                                                                                                                               [Alois Stimpfle]