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Einleitungswissenschaft

Die Einleitungswissenschaft beschäftigt sich mit der Entstehungsgeschichte des AT als Ganzem, sowie der einzelnen - nach katholischer Auffassung - 46 atl. Schriften, mit der Textüberlieferung, dem literarischen Charakter von Schriften, Texten und Teiltexten und ihrer Einbindung in die Geschichte Israels. Die Einleitungswissenschaft in das AT hat sich aus eben diesem selbst in einem historischen Prozess herausgebildet. Bereits in einigen Schriften des AT finden sich Einleitungsbemerkungen zu den Autoren, Kompositionsanlässen o.ä.

Im Umgang mit dem AT sind vor allem zwei Aspekte zu beachten

  1. Das AT ist nicht ein Buch, sondern stellt eine "kleine Bibliothek" dar; entstanden in einem Zeitraum von 1000 v. Chr. bis zur ntl. Zeit. Im AT finden sich daher teilweise disparate literarische Gruppen. Aber auch innerhalb der atl. Bücher oder in einzelnen Textabschnitten findet sich eine große literarische Komplexität (Anachronismen, Doppelüberlieferungen, Namenswechsel, lit. Brüche, etc.), die Fragen nach Textentstehung und Tradierung aufwirft.
  2. Das AT entstammt sowohl einem Zeit- als auch Sprach- und Kulturraum (Vorderer Orient), der uns heute zunächst völlig fremd und unzugänglich ist. Die Fremdheit der Sprache wird deutlich bei Betrachtung der Grundtexte des AT, die in hebräischer (MT = masoretischer Text) und griechischer (LXX = Septuaginta), sowie z.T. auch in aramäischer Sprache abgefasst wurden. Der atl. Kanon in seiner heutigen Gestalt ist Ergebnis eines langen Kanonisierungsprozesses. So gehörten einige Bücher nicht von Anfang an dazu, andere fielen zu späteren Zeiten aus dem Kanon heraus. Zur Zeit Jesu lag der Text des AT (MT) vermutlich bereits vor, die Kanonbildung ist allerdings erst um 100 n. Chr. zu vermuten.

Ein besonderes Problem stellt das Geschichtsverständnis des AT dar. Das AT erzählt über weite Strecken Geschichte, jedoch nicht aus einem historischen Selbstzweck, sondern vielmehr in theologisch-paränetischer Zielsetzung. Der Glaube und damit die Identität Israels gründet auf konkreten Geschichtserfahrungen, die stellvertretend für das Kollektiv exemplarisch an Individuen, Familien oder Sippen dargestellt werden. Nicht die Frage ob es Moses gab ist relevant, sondern vielmehr welche Spur Moses im kulturgeschichtlichen Gedächtnis Israels hinterlassen hat. In der Bibel begegnet Geschichte immer in erzählten Geschichten, die ihrerseits Glaubensgeschichten sind. Das AT ist demnach kein Geschichtsbuch in herkömmlichem Sinn. Es wird keine chronologische Geschichte vom Anfang bis zum Ende erzählt, wohl aber die Geschichte vom Anfang und Ende theologisch reflektiert.

 

(vgl. Hossfeld, Frank-Lothar/Lamberty-Zielinski, Hedwig: Altes Testament – Einleitung und Exegese, in: Wohlmuth, Josepf [Hrsg.]: Katholische Theologie Heute. Eine Einführung, Würzburg 1990, S. 145-168.)

[Clemens Conradi / Wolfgang Werner]