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Exegese AT

Aufgrund der normativen Größe der biblischen Schriften (die Bibel als nicht abzuleitende Norm "norma non normata") ist es wichtig mit größtmöglicher methodischer Präzision zu eruieren, was die Aussageabsicht dieser Texte ist. Die Exegese beschäftigt sich aufbauend auf den Ergebnissen der Einleitungswissenschaft mit der Auslegung einzelner Texte oder ganzer Bücher, der Systematisierung theologischer Grundgedanken und der Kennzeichnung der Bedeutung für die heutige Zeit.

Um die ursprüngliche Aussageabsicht der atl. Texte in ihrem je konkreten Entstehungskontext zu eruieren (Historische Sinnbestimmung) bedient sich die Exegese als theologische Wissenschaft der allgemein anerkannten historisch-kritischen Methode, die nach literaturwissenschaftlichen Maßgaben arbeitet. In ihren Anfängen geht diese Methode bis zur Aufklärung zurück und wurde in ihren Methoden immer stärker differenziert sowie verfeinert.

Die Exegese hat bei ihrer Tätigkeit aber auch ihre benachbarten theologischen Disziplinen im Blick und konfrontiert diese mit ihren Ergebnissen und den biblischen Wurzeln. Auf diese Weise entsteht ein -teils auch kontrovers geführter- Diskurs in Theologie und Kirche.

Die historisch-kritische Exegese muss ohne Vorurteile dem Text gegenüber, möglichst unabhängig von ideologischen Beeinflussungen sowie methodisch kontrolliert arbeiten. Dabei muss sich die Exegese die eigenen Vorverständnisse vergegenwärtigen und immer wieder auf ihre Gültigkeit hin reflektieren.

Der Textbestand wird hierzu kritisch durchleuchtet um den Wahrheitsgehalt zu erforschen. Zunächst gilt es bei den biblischen Texten des AT die Sprachbarriere zu überwinden. Bis auf einige aramäische Fragmente ist das AT in Hebräisch abgefasst. Es gilt zu beachten, dass bereits jede Übersetzung des Grundtextes eine Form der Interpretation darstellt.

Historisch-kritische Exegese

Durch folgende methodische Schritte der Analyse sowie Synthese versucht die historisch-kritische Exegese den Texten gerecht zu werden:

1. Textkritik

Da sich im Tradierungsprozess u.a. durch Abschriften Fehler im Text ergaben, ist es notwendig den ältesten erreichbaren Ur-Text zu rekonstruieren. Als relativ zuverlässige Textgrundlage für das AT gilt der sog. "masoretische Text" der in der "Biblia Hebraica Stuttgartensia" herausgegeben wurde.

2. Entstehungsgeschichte des Textes

a. Literarkritik
Als erster Schritt der Textanalyse prüft die Literarkritik ob der zu untersuchende Text den Kriterien der Textlinguistik entspricht. Zu diesen Kriterien gehören: ein erkennbarer Beginn, ein darauf aufbauendes folgerichtiges Geschehen sowie ein Abschluss. Da sich das AT aus gewachsener Traditionsliteratur aufbaut, ist mit vielen Textbrüchen zu rechnen. Ein Textbruch kann dabei auf unterschiedliche Autoren hinweisen. Die Literarkritik schließt mit einer sog. "genetischen Texthypothese" über die Entstehung des Textes ab.

b. Redaktions- und Kompositionskritik / Quellenkritik
Dieser Arbeitsschritt beschäftigt sich mit dem Wachstumsprozess des Textes von der mündlichen Überlieferung (Überlieferungskritik) bis hin zu seiner literarischen Endgestalt unter Beachtung der einzelnen Schichten und dem jeweiligen Großkontext des Geschichtswerkes oder Buches. So kommt es hier zur Hypothesenbildung bezüglich der Zeit- und Verfasserfrage sowie zu Interpretationsansätzen im Rahmen der Textgenese.

3. Formales und inhaltliches Vorgabe-Repertoir des Textes

a. Formen- und Gattungskritik
Der Textabschnitt oder der Gesamttext wird hier nach bestimmten Schemata (Reden, Protokolle, Briefe, Anzeigen etc.) hin untersucht. Die "Form" beschreibt hier formal einen konkreten Einzeltext; "Gattung" hingegen beschäftigt sich mit der der "Form" vorausliegenden "idealen" Form.

b. Motiv- und Traditionskritik
Die in den Texten verarbeiteten Bilder und Themen (Motive) sowie selbstständige sprachliche Gebilde (Traditionen) werden in diesem Arbeitsschritt herausgearbeitet. So lassen sich in verschiedenen Texten des AT immer wiederkehrende biblische Topoi wie bspw. der "Auszug aus Ägypten" ausmachen.

4. Bestimmung des historischen Ortes

Hier wird untersucht, ob sich die Entstehung des Textes bzw. einzelne Wachstumsstufen bestimmten historischen Situationen zuordnen lassen.

5. Klärung von Einzelaspekten

a. Begriffe
Der Text wird hier auf das Vorkommen wichtiger Begriffe hin untersucht. Ebenfalls ist zu klären, welche philologische und sachliche Bedeutung ihnen zukommt.

b. Sachfragen
Personen, Handlungen, Orte oder Namen werden hier zum besseren Verständnis des Textes geklärt.

6. Historische Sinnbestimmung

Zunächst müssen in diesem Arbeitsschritt die grundlegenden inhaltlichen Aussagen des Textes eruiert werden. In einem weiteren Schritt folgt die Bestimmung der Intention des Textes zur Zeit seiner Entstehung.

Neben der historisch-kritischen Methode gibt es in jüdisch-christlicher Auslegung weitere alternative Methoden. Die historisch-kritische Exegese lässt sich durch diese Methoden keineswegs ersetzen, jedoch ergänzen. Zu diesen alternativen Methoden zählen die ganzheitliche, materialistische, tiefenpsychologische und feministische Leseweise.

 

(vgl. Hossfeld, Frank-Lothar/Lamberty-Zielinski, Hedwig: Altes Testament – Einleitung und Exegese, in: Wohlmuth, Josepf [Hrsg.]: Katholische Theologie Heute. Eine Einführung, Würzburg 1990, S. 145-168.)

[Clemens Conradi / Wolfgang Werner]