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Jakobskampf - Christuskampf

Herbert Falken; 11.07.1984; Tusche, Pastell;110x110cm; Stiftung
Mit freundlicher Genehmigung des Suermondt Ludwig Museum, Aachen.

 

Texte zum Bild von Herbert Falken: Jakobskampf - Christuskampf

JAKOB
[© Suhrkamp-Verlag: Nelly Sachs: Fahrt ins Staublose. Gedichte, Frankfurt a.M. 1988, 90f]

ISRAEL,
Erstling im Morgengrauenkampf
wo alle Geburt mit Blut
auf der Dämmerung geschrieben steht.
O das spitze Messer des Hahnenschreis
der Menschheit ins Herz gestochen,
o die Wunde zwischen Nacht und Tag
die unser Wohnort ist! Vorkämpfer,
im kreißenden Fleisch der Gestirne
in der Nachtwachentrauer
daraus ein Vogellied weint.

O Israel,
du einmal zur Seligkeit endlich Entbundener -
des Morgentaus tröpfelnde Gnade
auf deinem Haupt -

Seliger für uns,
die in Vergessenheit Verkauften,
ächzend im Treibeis
von Tod und Auferstehung
und vom schweren Engel über uns
zu Gott verrenkt
wie du!

 

 


Studie zum Jakobskampf

[Herbert Falken: Studie zum Jakobskampf, 13.6.1984, in: Albert Gerhards (Hg.): Die Chance im Konflikt. Der Maler Herbert Falken und die Theologie, Regensburg 1999,164-166][Gen 32, 23-33]

"Meine Studien zum biblischen Jakobskampf sind [...] zunächst aus mir selbst erwachsen. Ich ringe mit meinem 'Über-Ich', aber auch mit meinem inneren 'Schweinehund'. Darüber hinaus stehen meine 'Jakobskämpfe' auch für die Erfahrungen mit einem DU, das ich nicht selbst sein kann, das ich oft nicht zu benennen, nicht zu erfassen und daher auch nicht in Besitz zu nehmen vermag. Ich bilde mir ein, manchmal mit Gott gerungen zu haben. Obwohl, wenn ich das so sage, es mir bereits falsch erscheint. [...]

Die Ehrfurcht vor dem Herausforderer in der Dunkelheit verlangt seine Anonymität. Jakob-Israel will gesegnet sein und lässt deshalb trotz zunehmender Unterlegenheit im Kampf nicht von ihm ab. Der Segen des Unbekannten fällt ungewöhnlich aus: Er renkt Jakob-Israel die Hüfte aus. In der Wunde, im Verletztsein, im Hinken bis zum jüdischen Holocaust erblickt das auserwählte Volk das Zeichen für den Segen.

Das Thema des Jakobskampfes erscheint mir auch als Christus- und Christenthema. Im Kreuz von Golgotha sind wir gesegnet und zugleich verwundet. Und es ist ein Bildbericht über den Kampf zwischen Dunkelheit und Licht, zwischen Nacht und Morgen.

Nelly Sachs, deren Jakobsgedicht mich beim Arbeiten [...] begleitet und beeinflusst hat, entwickelt den bewundernswerten Begriff des 'Erstling im Morgengrauen', eine Assoziation zu dem, was wir mit Auferstehung umschreiben. Als Jüdin ist für sie die 'Wunde zwischen Nacht und Tag' der 'Wohnort' ihres Volkes. Ihre Erfahrung nach Auschwitz fasst sie zusammen als 'schweren Engel über uns, zu Gott verrenkt'."